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RUNDBRIEF
(8) ZUR ADVENTS- UND WEIHNACHTSZEIT 2008/2009 PAX„DAMIT WIR VOLL ZUVERSICHTDAS KOMMEN UNSERES ERLÖSERS JESUS CHRISTUS ERWARTEN!“ Liebe Mitschwestern! Liebe Mitbrüder! Der Advent, den wir zu Beginn eines neuen Kirchenjahres erneut feiern, ist eine Zeit hoffender Erwartung und ausblickender Hoffnung auf den kommenden Gott. Gott kommt: Das ist eine Grundbestimmung des Gottes der Bibel und der Liturgie. Gottes Wesen ist „Advent“! Am Anfang der Offenbarung des Johannes stellt sich Gott vor: „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung“ (Offb 1,8). Von diesem unaufhörlichen Kommen Gottes ist gerade und vor allem in der Liturgie des Advents die Rede, denn dieses aus dem Lateinischen stammende Wort bedeutet ja: Ankunft. Und der Advent redet in seinen Gebeten, Lesungen und Gesängen - aufgrund einer langen christlichen Überlieferung - von der dreifachen Ankunft Gottes, von seinem dreifachen Kommen, nämlich: 1. vom Kommen Gottes in der Menschwerdung seines Sohnes (Inkarnation) und 2. vom Kommen Gottes am Ende der Zeiten (Parusie). Das sind die zwei Grunddimensionen oder Grundperspektiven des Advents, wie die Kirche das selber in ihrer „Grundordnung des Kirchenjahres“ formuliert: „Die Adventszeit ist einerseits Vorbereitungszeit auf die weihnachtlichen Hochfeste mit ihrem Gedächtnis des ersten Kommens des Gottessohnes zu den Menschen. Andererseits lenkt die Adventszeit zugleich durch dieses Gedenken die Herzen hin zur Erwartung der zweiten Ankunft Christi am Ende der Zeiten. Unter beiden Gesichtspunkten ist die Adventszeit eine Zeit hingebender und freudiger Erwartung“ (Nr. 39). Während in den ersten Adventstagen mehr die eschatologische Ausrichtung dominiert (vgl. das Evangelium vom ersten Adventssonntag), tritt in der zweiten Hälfte der Adventszeit, besonders natürlich ab dem 17. Dezember, das Weihnachtsgeschehen als solches in den Blickpunkt. Doch die Theologen und Mystiker, namentlich unser heiliger BERNHARD VON CLAIRVAUX (+1153), sprechen aber 3. noch vom täglichen Kommen Gottes in die Herzen der Menschen, vom „mittleren Advent“ (sakramental-mystische Ankunft Gottes). Damit ist letztlich das gemeint, was die mystische Tradition „die Gottesgeburt im Herzen des Menschen“ nennt. Unser Ordensvater BERNHARD hat vor allem seine fünfte Adventspredigt diesem „mittleren Advent“ gewidmet: „Über die mittlere Ankunft und die dreifache Erneuerung“ (zu diesem interessanten Thema vgl. Claudio STERCAL, Il ‚medius adventus’. Saggio di lettura degli scritti di Bernardo di Clairvaux, Rom 1992 [= Bibliotheca Cisterciensis 9]). So sagt er beispielsweise: „Diese mittlere Ankunft ist gewissermassen der Weg, auf dem man von der ersten zur letzten gelangt: In der ersten war Christus unsere Erlösung, in der letzten wird er als unser Leben erscheinen, in dieser aber ist er unsere Ruhe und unser Trost...“ (5. Adventspredigt 1). Der heilige BERNHARD zitiert in diesem Zusammenhang immer gerne zwei Schriftworte, nämlich: „Wenn jemand mich liebt“, spricht Jesus, „wird er an meinen Worten festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14,23) und „Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen“ (Röm 10,8). Wunderbar ist darum die Ermutigung, die er uns in der ersten seiner sieben (acht) Adventspredigten gibt: „Du brauchst, o Mensch, nicht Meere zu überqueren; es ist nicht nötig, Wolken zu durchdringen oder Berge zu übersteigen. Kein weiter Weg, sage ich, wird dir gezeigt: Geh nur in dich und begegne dort deinem Gott! Denn ‚das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen?“ (1. Adventspredigt 10). Wie es die Liturgie in all diesen Tagen immer und immer wieder zum Ausdruck bringt, zielt die ganze adventliche Vorbereitungszeit unmittelbar auf diese „mittlere“, unsichtbare und geistige Ankunft Gottes in unseren Herzen. Der bekannte Mystiker Angelus SILESIUS (+1677) hat dafür ein oft zitiertes Wort geprägt: „Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren“! Mehr als andere Zeiten des Kirchenjahres macht der Advent also auch auf das endzeitliche Kommen Gottes bei der Wiederkunft Christi aufmerksam. So heisst es zum Beispiel im Tagesgebet des ersten Adventssonntags: „Herr, unser Gott, ... hilf uns, dass wir auf dem Weg der Gerechtigkeit Christus entgegengehen und uns durch Taten der Liebe auf seine Ankunft vorbereiten, damit wir den Platz zu seiner Rechten erhalten, wenn er wiederkommt in Herrlichkeit“. Doch diese an sich typische christliche und darum auch monastische Grundhaltung des Ausblicks und des Erwartens der Parusie spielt im Leben von uns Christinnen und Christen heute kaum eine vordergründige Rolle. Wir sind zu sehr mit den grossen Aufgaben und Problemen des Diesseits beschäftigt. Aber der Advent will uns unbedingt immer wieder auch an diese Glaubenswahrheit erinnern, die wir Sonntag für Sonntag im Credo bekennen: „Er wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein“. Im Grunde genommen ist diese Ausrichtung auf die Wiederkunft Christi sehr präsent in jeder unserer Eucharistiefeiern. So wäre gerade der Advent eine gute Gelegenheit und Einladung, einmal bewusster auf die eschatologische Dimension unserer Liturgie zu achten. Um nur ein paar solcher Momente zu nennen: Nach der heiligen Wandlung singen wir zum Beispiel jedes Mal die Akklamation: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“. Nach dem Vaterunser, in dem wir ausdrücklich um das Kommen des Gottesreiches bitten, betet der Priester im sogenannten Embolismus – und hier ist dieser Gedanke sehr deutlich ausgesprochen: „Damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten“. Aber auch im Hochgebet ist der Gedanke an das endzeitliche Kommen Christi natürlich gegenwärtig, besonders in der Anamnese und in der Fürbitte für die Verstorbenen. Im Hochgebet III heisst es etwa am Ende der Anamnese: „... und erwarten seine Wiederkunft...“ und im Gedächtnis für die Verstorbenen: „Nimm sie auf in deine Herrlichkeit. Und mit ihnen lass auch uns, wie du verheissen hast, zu Tische sitzen in deinem Reich“. Auch die Einladung zur heiligen Kommunion ist immer verbunden mit dem Hinweis auf das Hochzeitsmahl des ewigen Lebens: „Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind“! Diese wenigen Hinweise genügen, um zu zeigen, wie jeder Eucharistiefeier wesenhaft eine eschatologische Dimension innewohnt und zugleich „das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit“ ist (vgl. Liturgiekonstitution Nr. 47). Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ heisst es bezüglich der Liturgie: „In den Sakramenten Christi empfängt die Kirche jetzt schon das Angeld ihres Erbes. Sie hat bereits am ewigen Leben Anteil, ‚während wir auf die selige Hoffnung und das Erscheinen der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Retters Christus Jesus warten’ (Tit 2,13). ‚Der Geist und die Braut aber sagen: ‚Komm! ... Komm, Herr Jesus!’ (Offb 22,17.20)“ (Nr. 1130; vgl. auch Nrn. 1137-1139 und 1090). Was also für die Liturgie im Gesamten des Kirchenjahres gilt, das gilt im Besonderen für den Advent: Er ist „Symbol und Sakrament des ewigen Lebens“ (P. Odo CASEL OSB [+1948]) und er ist „Feier des Kommens Gottes“ (Martin BRÜSKE). Sehr schön hat der Benediktiner und Liturgiker Dom Jean HILD OSB (+1974) über den Advent geschrieben: „Zwischen der Geburt des Herrn und seiner glorreichen Wiederkunft gibt es eine lange Adventszeit, die eschatologische Zeit, die das Kommen Gottes bedeutet, das immer erfüllt und zugleich öffnet ... Die vier Adventswochen sind wie ein Zeitsymbol dieser messianischen und eschatologischen Adventszeit ... ; sie suchen den, den sie schon gefunden haben und Gott erfüllt die Sehnsucht der Suchenden, damit sie noch eifriger suchen und den Kommenden in seiner Gnadenfülle finden und aufnehmen können“. Bereits vier meiner liturgischen Rundbriefe haben sich mit der Liturgie der Advents- und Weihnachtszeit beschäftigt, nämlich: · Rundbrief 1 (2002): Allgemeine Einführung, Adventsbräuche (Adventskranz, Rorate-Messen, O-Antiphonen, Antiphon „Alma Redemptoris mater“. · Rundbrief 4 (2004/2005): Allgemeine Einführung, Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria (8. Dezember), feierliche Ankündigung von Weihnachten, dreifache Messfeier an Weihnachten, Weihnachtsoktav. · Rundbrief 6 (2006/2007): Allgemeine Einführung, Hochfest Epiphanie, Fest der Taufe des Herrn, Engel des Herrn (Angelus). · Rundbrief 7 (2008): Allgemeine Einführung, Fest der Darstellung des Herrn (2. Februar). Alle diese Briefe können bekanntlich in fünf Sprachen abgerufen werden auf dieser Internetadresse: www.ocist.net/liturgy/: „Cistercian Liturgy ... Secretariate for Liturgy in the Cistercian Order“. Im vorliegenden Brief möchte ich lediglich auf einen sehr schönen kirchlichen Brauch hinweisen, der zutiefst mit dem Weihnachtsgeheimnis zu tun hat, leider aber etwas in Vergessenheit zu geraten scheint: Das Bekenntnis/Gedächtnis der Inkarnation im Credo (Verbeugung/Knien) Im letztjährigen Rundbrief zur Advents- und Weihnachtszeit (Nr. 6) habe ich eine historische und spirituell-theologische Erklärung des schönen Brauches des „Angelus-Gebetes“ gegeben. Der „Engel des Herrn“ ist Tag für Tag ein dreimaliges Inkarnations-Gedächtnis (und überhaupt ein Gedächtnis des Christusgeheimnisses). Ein solches Gedächtnis und Bekenntnis der göttlichen Inkarnation ist jedes Mal auch die Stelle im Credo: „Et incarnatus est...“. Nach einer alten Überlieferung der Kirche setzt man zu dieser Stelle ein Zeichen der Ehrfurcht vor dem grossen und unsäglichen Geheimnis, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist – ein Geheimnis, das der Mensch nie wird ergründen können! Das ist durchaus auch heute noch so, denn in der „Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch“ (1975) ist in Nr. 234 b) vorgesehen, dass beim Glaubensbekenntnis zu den Worten „hat Fleisch angenommen“ beziehungsweise „empfangen durch den Heiligen Geist“ alle eine „Körperverneigung oder tiefe Verneigung“ machen. Diese Anordnung wird selbstverständlich auch in der dritten Auflage der „Editio typica“ des „Missale Romanum“ von 2002 und 2008 wiederholt, und zwar in Nr. 275 b), wobei hier präzisiert wird: „bei den Worten: ‚hat Fleisch angenommen (Et incarnatus est)’ erfolgt die Verneigung des Körpers, die tiefe Verneigung“. Es ist sehr bedauerlich, dass vielerorts dieser schöne Brauch nicht (mehr) praktiziert wird. Für die Vigilmesse von Weihnachten und alle drei Weihnachtsmessen sowie für den 25. März, das Fest Mariä Verkündigung, also an den Festtagen, an denen die Inkarnation Jesu Christi im Mittelpunkt steht, ordnet die Kirche sogar an, dass man beim Credo zu den Worten: „hat Fleisch angenommen (Et incarnatus est)“ niederkniet (vgl. die Angaben des Römischen Messbuches zu den betreffenden Feiern und in unserem Ordensdirektorium). Nach dem Brauch unseres Ordens, der bereits schon im 12. Jahrhundert belegt ist, beugte man beim Singen des Credos zum: „et homo factus est“ immer die Knie („Veniae petitio“), also nicht nur an Weihnachten und am 25. März (vgl. „Ecclesiastica Officia“ Kap. 56). Das war ein in der ganzen Kirche verbreiteter Brauch. Was könnte der Mensch angesichts des Glaubensgeheimnisses, dass Gott Mensch wird, Schöneres und Angemesseneres tun, als sich zu verbeugen oder auf die Knie zu fallen? Mit meinen herzlichsten Segenswünschen zu den kommenden Weihnachtsfesten und ins neue Jahr 2009 bleibe ich mit mitbrüderlichen Grüssen, liebe Schwestern und Brüder Euer Kloster Eschenbach (Schweiz), zu Beginn des Advents 2008 |
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