RUNDBRIEF (9)
VOM SEKRETÄR DES SEKRETARIATES O.CIST. FÜR LITURGIE
AN DIE KLÖSTER DES ORDENS

ZUM BEGINN DES NEUEN KIRCHENJAHRES 2009/2010

PAX

„DAMIT WIR VOLL ZUVERSICHT

„JESUS CHRISTUS IST DERSELBE
GESTERN, HEUTE UND IN EWIGKEIT“
.
(Hebr 13,8)

Vertrau auf Gott / Trust in the Lord von amras_de.

 

Liebe Mitschwestern!
Liebe Mitbrüder!

Der Christkönigssonntag, der im Jahre 1925 von Papst PIUS XI. (+1939) eingeführt worden ist, hat uns eben im Rückblick auf das zu Ende gehende und im Vorausblick auf das am ersten Adventssonntag beginnende Kirchenjahr gezeigt, was das Wesen und die Kernmitte des liturgischen Jahres ist: JESUS CHRISTUS, DER KYRIOS. Immer geht es nämlich um IHN und das Geheimnis unserer Erlösung. Die frühen Christen haben das sehr anschaulich ausgedrückt, indem sie in der Apsis ihrer Basiliken, über dem Altar,  ein monumentales Christusbild angebracht haben: Christus als den thronenden Allherrscher (Pantokrator, Majestas Domini). Was das bedeutet hat, kann man noch heute  erahnen, wenn man zum Beispiel eine altrömische Basilika besichtigt: der Blick fällt sofort auf Christus, der den Raum beherrscht (oben: der Pantokrator in der Basilika St. Paul vor den Mauern in Rom). Später, in der romanischen und gotischen Zeit, hat man gerne im Bogenfeld über den Westportalen der Kathedralen, also über dem Eingang, Christus als den kommenden Weltenrichter dargestellt. Wer in eine Kirche eintritt, befindet sich gleichsam im Herrschaftsraum des Kyrios Christus und kann die Stimme dieses Königs hören. Die Sinngebung der christlichen Existenz und der christlichen Liturgie lassen sich in die weihevollen Worte fassen, die der Priester zu Beginn  der Osternacht bei der Zubereitung der Osterkerze – Symbol des auferstandenen Christus - am neuen Feuer spricht: „Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen“. 

 

DIE THEOLOGISCHE, SPIRITUELLE  UND EXISTENTIELLE BEDEUTUNG
DES KIRCHENJAHRES

In Anbetracht des grossen Stellenwertes, den die Liturgie und ihre Feier in unserem klösterlichen und alltäglichen Leben innehat, möchte ich in diesem Rundbrief einmal die theologische, spirituelle  und existentielle Bedeutung des Kirchenjahres etwas zu erklären versuchen. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) und die von ihm angeregte Liturgiereform haben Wesen und Sinn des liturgischen Jahres neu ins Bewusstsein der Kirche gerufen und in ihrem Leben verankert. In unserer zisterziensischen Tradition hatte das Kirchenjahr ja immer schon einen ganz besonderen Platz, da alle unsere ersten grossen Zisterzienserväter, wie BERNHARD VON CLAIRVAUX (+1153), GUERRIC VON IGNY (+1157), AELRED VON RIEVAULX (+1167), ISAAK VON STELLA (+1167/69) und wie sie alle heissen, uns wertvolle Predigten zu den Festzeiten und Festen des Kirchenjahres hinterlassen haben. Man kann sie als wunderbare Kommentare zum Kirchenjahr betrachten. Aber auch die Schriften der Mystikerinnen von Helfta, der heiligen GERTRUD DER GROSSEN (+1302) und der heiligen MECHTHILD VON HACKEBORN (+1299) [interessanterweise nicht aber der heiligen MECHTHILD VON MAGDEBURG (+1282/94), die zuvor Begine war!] zeugen davon, wie diese Frauen voll und ganz aus dem Geist des Kirchenjahres und der Liturgie gelebt haben. Es ist für uns Mönche und Nonnen, denen vom heiligen Mönchsvater BENEDIKT (+nach 550) aufgetragen ist, „dem Gottesdienst nichts vorzuziehen“ (Benediktsregel 43,3), eine Lebensaufgabe, immer besser und tiefer zu verstehen, was wir in der Liturgie und im Kirchenjahr feiern. Unser heiliger Ordensvater BERNHARD VON CLAIRVAUX (+1153) meinte darum einmal in einer Predigt: „Es ist weder uns Mönchen [und Nonnen] angemessen, noch geziemt es sich für Weise, nicht zu wissen, was wir verehren, oder zu feiern, was wir nicht kennen“ (4. Predigt zum Kirchweihfest, Nr. 1)!

1.      Das Kirchenjahr ist Jesus Christus selbst

Das liturgische Jahr, das wir am ersten Adventssonntag in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche wieder eröffnen, ist nichts anderes als die gedenkende und vergegenwärtigende Feier des Christus-Geheimnisses, das in seinem Tod und in seiner Auferstehung, im Österlichen Geheimnis  (Mysterium Paschale), seinen Höhepunkt hat. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hat diesbezüglich in der Liturgiekonstitution gelehrt – und das ist einer der grossen Schlüsseltexte des Konzils:

„Als liebende Mutter hält die Kirche es für ihre Aufgabe, das Heilswerk ihres göttlichen Bräutigams an bestimmten Tagen das Jahr hindurch in heiligem Gedenken zu feiern. In jeder Woche begeht sie an dem Tag, den sie Herrentag genannt hat, das Gedächtnis der Auferstehung des Herrn, und einmal im Jahr feiert sie diese Auferstehung zugleich mit dem seligen Leiden des Herrn an Ostern, ihrem höchsten Fest.

            Im Kreislauf des Jahres entfaltet sie das ganze Mysterium Christi von der Menschwerdung und Geburt bis zur Himmelfahrt, zum Pfingsttag und zur Erwartung der seligen Hoffnung und der Ankunft des Herrn.

            Indem sie so die Mysterien der Erlösung feiert, erschliesst sie die Reichtümer der Machterweise und der Verdienste ihres Herrn, so dass sie jederzeit gewissermassen gegenwärtig gemacht werden und die Gläubigen mit ihnen in Berührung kommen und mit der Gnade des Heiles erfüllt werden“ (Nr. 102)

            Die Kirche versteht das liturgische Jahr als einen Kreislauf (anni circulus) – das ist wohl der älteste Begriff für das, was wir heute als Kirchenjahr bezeichnen - , in dem jedes Jahr das Christus-Ereignis wieder heraufgeführt wird, so dass die natürliche Zeit, angefüllt mit den Wundertaten Gottes, die aufeinanderfolgenden Geschlechter mit dem durch Jesus erschlossenen Heil in Berührung bringt. Das Kirchenjahr ist die mystisch-sakramentale Wiederspiegelung des Kreislaufes des Herrn, von dem Jesus selbst im Johannesevangelium 16,28 gesagt hat: „Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater“ oder im gleichen Johannesevangelium 3,13: „Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen ausser dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn“. Das sind übrigens zwei Schriftstellen, die in der Theologie des Kirchenjahres und in der Christologie unseres heiligen Ordensvaters BERNHARD VON CLAIRVAUX (+1153) eine bedeutsame Rolle spielen. Der „Kreislauf des Herrn“, den die Kirche in ihrer Liturgie feiert, ist auch das Thema des bekannten Weihnachtshymnus des heiligen AMBROSIUS (+397) „Intende, qui regis Israel“, der in der alten Zisterzienserliturgie der Vesperhymnus von Weihnachten war (vgl. das Stephansbrevier). Dort lautet die 6. Strophe: „Von deinem Vater gehst du aus, gehst siegreich wieder zu ihm ein; bis in die Hölle dringst du vor und kehrst zu Gottes Thron zurück – Egressus eius a Patre, regressus eius ad Patrem; excursus usque ad inferos, recursus ad sedem Dei“. 

            Das Thema des Kirchenjahres und die Mitte aller Liturgie ist das Gedächtnis des Heilsereignisses in und durch JESUS CHRISTUS. „Semper memoriam CHRISTI facere - Immerdar das Gedächtnis CHRISTI begehen“: das ist ein Grundauftrag der Kirche nach der Weisung des Herrn: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,25)! In ihrer Liturgie setzt die Kirche das Heilswerk Christi fort, indem sie es vergegenwärtigt für die kosmische Zeit des Tages (Stundengebet) und den Zyklus der Wochen und des Jahres (Kirchenjahr). Immer geht es also um die Gedächtnisfeier CHRISTI. Papst PIUS XII. (+1958) hat in seiner Enzyklika „Mediator Dei“ von 1947, aus der manche grosse Leitsätze des Zweiten Vatikanums stammen, über das liturgische Jahr geschrieben: „Das liturgische Jahr … erscheint nicht als kalte, leblose Darstellung vergangener Dinge oder als eine blosse Erinnerung an Ereignisse aus früherer Zeit. Nein, es ist CHRISTUS selbst, der in seiner Kirche weiterlebt, und zwar in den Geheimnissen, die dauernd gegenwärtig sind und wirken“ (Teil III, Kap. II). Daraus ist die Kurzformel entstanden, die früher in unserem Ordensdirektorium stand: „Annus liturgicus ipse CHRISTUS est – das liturgische Jahr ist CHRISTUS selbst“. Selbst die Feste der Gottesmutter MARIA und der Heiligen sind letztlich – wie dies das Zweite Vatikanische Konzil theologisch verdeutlicht hat (vgl. Liturgiekonstitution, Nr. 103 und Nr. 104) – auf das Christus-Gedächtnis bezogen und eigentliches Christus-Gedächtnis.

2.      Das Kirchenjahr als gedenkende und aktualisierende Feier des Christusereignisses

„Gedächtnis“ (Anamnese, Memoria), ein Grundbegriff biblischer Theologie, meint im Bereich des liturgischen Handelns der Kirche nicht einfach eine schöne Erinnerung an vergangene Zeiten und Taten der Geschichte Gottes mit den Menschen, sondern ist ein aktualisierendes Geschehen. Dadurch dass die Kirche das Gedächtnis der einmal geschehenen Heilstaten, die Feier des Mysteriums Jesu Christi, begeht, werden sie auf geheimnisvolle (sakramentale, mystische) Weise wieder gegenwärtig. Dabei handelt es sich aber keineswegs um eine Wiederholung des einmal Geschehenen. Vielmehr vermag die Kirche mittels ihres gedenkenden Tuns, aufgrund ihrer zeichenhaften liturgischen Handlungen, das Erlösungsgeschehen im Hier und Heute wirksam werden zu lassen, so dass die zur liturgischen Feier Versammelten Anteil daran erhalten. Sie werden gleichsam zu Zeitgenossen Christi! Dass die Vergegenwärtigung des Erlösungswerkes Christi überhaupt möglich wird, das garantiert der Heilige Geist, von dem es im vierten Hochgebet der Kirche heisst, er „führe das Werk Christi auf Erden weiter“ und „vollende alle Heiligung“. Papst LEO DER GROSSE (+461), der tief über die Heilsgegenwart Christi in der Liturgie nachgedacht hat, prägte den berühmten Satz: „Was an unserem Erlöser sichtbar war, ist in seine Mysterien übergegangen“ (Sermo 74,2; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1115), das heisst also in die sakramentalen Feiern der Kirche. Auf das liturgische Gedächtnis kann man den schönen Text des heiligen BERNHARD anwenden, der in seiner sechsten Predigt zur Weihnachtsvigil erklärt hat: „Das ist immer neu, was die Herzen immer erneuert, und niemals ist alt, was nie aufhört, Frucht zu bringen… Wie Christus nämlich in gewisser Weise noch immer Tag für Tag geopfert wird, solange wir seinen Tod verkünden, so scheint er auch immer wieder geboren zu werden, sooft wir uns gläubig seine Geburt vergegenwärtigen (dum fideliter repraesentamus eius nativitatem)“ (Nr. 6)

3.      Das Kirchenjahr als Feier des ganzen Christus-Geheimnisses

Die Liturgie der Kirche setzt das Heilswerk Christi durch die Jahrhunderte fort. Alle Feste des Kirchenjahres haben letztlich das Christus-Geheimnis als ganzes zum Gegenstand, das Geheimnis der Erlösung in seiner Totalität, welches gipfelt im Osterfest. Von daher kommt die Geschlossenheit und Einheit des Kirchenjahres: Ostern beherrscht als allgegenwärtige Festwirklichkeit, in die wir selber hineingenommen werden, den ganzen Jahreskreis. Diese theologische Sicht bestätigte Papst PAUL VI. (+1978) am Anfang seines „Motuproprio zur Approbation der Grundordnung des Kirchenjahres“: „Mysterii Paschalis“ (1969), wo er erklärt: „Die Feier des Pascha-Mysteriums und ihre Entfaltung in den Tagen, Wochen und im ganzen Jahreskreis ist nach der klaren Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils Mitte des christlichen Gottesdienstes“. Daraus ergibt sich auch die für das Christentum konstitutive und existentielle Bedeutung des Sonntags, des Urfeiertages der Christen (vgl. Liturgiekonstitution, Nr. 102 und Nr. 106). P. Odo CASEL OSB (+1948), der Theologe der „Mysteriengegenwart“, äusserte sich zur Bedeutsamkeit von Ostern mit diesen hymnischen Worten: „Dieses Pascha ist die Sonne, die den ganzen Kosmos des Kirchenjahres durchstrahlt und es zu einem einzigen Tage macht“ (Brief vom 7. November 1942).

Ohne Unterlass verkündet das Kirchenjahr den umfassenden Heilsplan Gottes. Dabei lenkt der hier und heute gegenwärtige Herr unseren Blick auf alle zeitlichen Dimensionen, denn: „JESUS CHRISTUS IST DERSELBE, GESTERN, HEUTE UND IN EWIGKEIT“ (Hebr 13,8)! Zuerst die Vergangenheit (memoria). Das Kirchenjahr berichtet uns vom Vorspiel der Erlösung, angefangen bei der Schöpfung, von der Geschichte unserer Väter im Glauben,  von den göttlichen Machterweisen am Volk des Alten Bundes und von den prophetischen Verheissungen, die in Christus in Erfüllung gegangen sind. Gerade davon hören wir jetzt dann wieder im Advent. Die christliche Liturgie gibt dem Alten Testament ein so grosses Gewicht – was leider nicht immer verstanden wird! - , weil Altes und Neues Testament eine untrennbare Einheit bilden, und das wiederum in Christus. Der Theologe HUGO VON ST. VIKTOR (+1141), ein Zeitgenosse des heiligen BERNHARD, hat diese in der ganzen christlichen Überlieferung verankerte Grundüberzeugung so formuliert: „Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Buch, und dieses eine Buch ist CHRISTUS, denn die ganze göttliche Schrift spricht von CHRISTUS und die ganze göttliche Schrift geht in CHRISTUS in Erfüllung“ (De arca Noe 2,8; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 134). Es war aber vor allem der heilige AUGUSTINUS (+430), der auf den tief inneren Zusammenhang der beiden Testamente aufmerksam gemacht hat, in einem Sinnspruch, der berühmt geworden ist: „Das Neue Testament ist im Alten verhüllt, das Alte Testament im Neuen enthüllt – Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet“ (Hept. 2,73; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 129). Dann die Gegenwart (praesentia). Christus, der von den Toten auferstanden und zur Rechten des Vaters in der Herrlichkeit des Himmels erhöht ist, ist immerfort anwesend im Geheimnis seiner Kirche. Durch die liturgischen Gedächtnisfeiern treten wir wirklich mit ihm, dem Lebendigen, in Kontakt , wir begegnen ihm zeichenhaft in den sakramentalen Feiern. Und schliesslich die Zukunft (prophetia). Wenn die Kirche ihre Feste feiert, schaut sie keineswegs nur in die Vergangenheit, sie verweilt auch nicht bloss in der Gegenwart, sondern sie streckt sich auch der Zukunft entgegen und nimmt die Vollendung des Heiles in Christus gewissermassen voraus. Diese eschatologische Dimension der Liturgie wird besonders  in Nr. 8 der Liturgiekonstitution dargestellt, wo es unter anderem heisst:  „In der irdischen Liturgie nehmen wir vorauskostend an jener himmlischen Liturgie teil, die in der heiligen Stadt Jerusalem gefeiert wird, zu der wir pilgernd unterwegs sind, wo Christus sitzt zur Rechten Gottes, der Diener des Heiligtums und des wahren Zeltes… In ihr erwarten wir den Erlöser, unseren Herrn Jesus Christus, bis er erscheint als unser Leben und wir mit ihm erscheinen in Herrlichkeit“. Zusammenfassend können wir also festhalten: Das Kirchenjahr ist die in verschiedene Feste ausgefaltete Feier des einen und ganzen Christus-Ereignisses, wirklich Gedächtnis des Herrn. Sein Ziel besteht darin, dass die Gläubigen am Erlösungswerk, das im Hier und Heute Gegenwart wird, Anteil bekommen und daraus leben können. „Dir, Christus, begegne ich in deinen Mysterien“ (Apologia prophetae David 58), in der Feier der Liturgie also, bekannte der heilige AMBROSIUS (+397). Im Gottesdienst der Kirche fliessen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eins zusammen! Genau das macht jetzt ja dann wieder die Adventsliturgie deutlich, in der wir den dreifachen Advent, die dreifache Ankunft des Herrn, gedenkend feiern: Sein Kommen in die Welt (Inkarnation), seine Wiederkunft am Ende der Zeit (Parusie) und sein tägliches Kommen in der Feier der Liturgie (Mysteriengegenwart, Gottesgeburt im Herzen) [vgl. dazu meinen Rundbrief Nr. 4 von 2004/2005 und Nr. 8 von 2008/2009]. Sinn des ständig sich wiederholenden Kirchenjahres ist es, uns immer mehr zu dieser grossen und umfassenden Gesamtschau des ganzen Christusgeheimnisses und der ganzen Heilsgeschichte in den drei Zeitdimensionen hinzuführen.

4.      Das „Heute“ (Hodie) der liturgischen Feier

Der Träger des Kirchenjahres ist der auferstandene und erhöhte Christus, der in seiner Kirche gegenwärtig bleibt. Die Festfeiern des Kirchenjahres sind, wie schon gesagt, alles andere als blosse Erinnerung, sie vergegenwärtigen auf mystisch-sakramentale Weise das gefeierte Heilsereignis. Darum kann die Kirche an Weihnachten singen: „Heute ist Christus geboren“; an Epiphanie: „Heute ist dem himmlischen Bräutigam die Kirche verbunden worden“; an Pfingsten: „Heute erschien der Heilige Geist den Jüngern im Feuer“. Wie aber ist das zu verstehen? Wird zum Beispiel die Geburt Jesu zu Bethlehem in der liturgischen Feier wieder gegenwärtig? Es geht in der Liturgie immer um das ganze Christus-Geheimnis, dessen Mitte das Österliche Geheimnis ist. Das Oster-Geheimnis verleiht in seinem Ewigkeitsgehalt den christlichen Festen und Feiern seine belebende Kraft, die Kraft des gekreuzigten und auferstandenen Herrn. An jedem Fest wird uns einzig und allein die österliche Wirklichkeit unter uns Gegenwart, allerdings jedesmal von einem andern Blickwinkel aus betrachtet. So steht an Weihnachten der verherrlichte Christus vor uns, aber wir schauen ihn hier als den in Bethlehem Geborenen, als den in der Niedrigkeit der menschlichen Natur Erschienen. Im Advent ist wiederum der österliche Herr in der Festfeier anwesend, jetzt aber gesehen und gepriesen als der von den Völkern ersehnte und am Ende der Tage in Herrlichkeit wiederkommende Christus. Also: Das ganze Erlösungsgeheimnis ist stets da – von daher die grossartige Einheit des Kirchenjahres. Doch nähert man sich ihm von den verschiedensten Seiten – darum die Vielfalt der Feste. Da der Mensch die österliche Fülle nie auf einmal zu begreifen vermag, sucht er sich den Zugang zu ihr gleichsam von vielen Aussichtspunkten her zu verschaffen.

5.      Das Kirchenjahr als Spiegelbild des menschlichen Lebens

Neben dem geistlichen Gehalt und Aspekt des Kirchenjahres, gibt es auch anthropologische und pädagogische Seiten der Liturgie, die für das Leben des Menschen sehr wichtig sind und in der heutigen Zeit vermehrt Beachtung finden. Der Mensch lebt sein Leben in Rhythmen und im zyklischen Ablauf der Tage, Wochen und Jahre. Er braucht Riten, feste Abläufe und Bräuche, die ihm helfen, dem  Leben eine Form zu geben und es zu bewältigen. Die Liturgie der Kirche, sie bringt im Laufe des Jahres die ganz wichtigen Erfahrungen und Fragen der menschlichen Existenz zur Sprache und zur Darstellung, nämlich: Geburt und Tod, die Familie, das Mahl, das Böse und seine Überwindung, das Verhältnis zu den Toten, die Erfahrung des Geistes. Im Ablauf des Kirchenjahres thematisiert der Mensch die Grundfragen seines Lebens, indem er sie mit dem Leben Jesu und dem der Heiligen in Beziehung bringt. Die Liturgie ist somit ein Lernprozess, der dem Menschen eine konkrete Anleitung gibt, sich einzuüben in die grundlegenden menschlichen und christlichen Lebensvollzüge. Das ist denn auch der grosse pädagogische Wert des Kirchenjahres. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Liturgie nämlich „die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Glauben schöpfen sollen“ (Liturgiekonstitution, Nr. 14). Die Liturgie der Kirche will den ganzen Menschen in seiner leib-seelischen Verfasstheit mit  Christus und seinem Erlösungswerk in Berührung bringen (vgl. Liturgiekonstitution, Nr. 102)

6.      Das Kirchenjahr als ein wachsendes Gleichförmig-Werden mit Christus

Im Unterschied zum antiken Verständnis der Zeit als einer Linie oder Geraden, die ewig weiterläuft oder als eines Kreises ohne Anfang und Ende oder auch als zyklische Ringe, versteht das Christentum die Christus-Zeit, das Kirchenjahr,  als eine in Kreisen sich höher hebende Spirale, die mit jeder Jahreswindung sich der Wiederkunft Christi entgegenstreckt. Es gibt nicht den gleichen Ausgangspunkt, die ewig gleiche Wiederkehr, nein, denn die Bahn der Spirale zieht sich von Jahr zu Jahr höher. So ist kein Osterfest das gleiche wie das des Vorjahres, keine Adventszeit die gleiche wie im Jahr zuvor. Jedesmal geht es eine Ebene höher, in eine neue Bahn, die die Zeit der Vollendung entgegenführt. Auf diese Weise werden wir mehr und mehr hineingenommen in das Geheimnis Christi und befähigt, „zusammen mit allen Heiligen seine Länge und Breite, Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alles Erkennen übersteigt“ (Eph 3,18-19a). Und so werden wir „mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt“ (Eph 3,19b) und wachsen wie ein Baum, dessen Stamm Jahr um Jahr um einen Jahresring reicher wird, heran „zum Vollalter Christi“ (Eph 4,13). Das letzte Ziel des Kirchenjahres ist es, dass wir mehr und mehr Christus gleichförmig werden, denn dazu sind wir ja bestimmt: „an seinem Wesen und seiner Gestalt teilzuhaben“ (vgl. Röm 8,29)!

 

ADVENT UND WEIHNACHTSZEIT

Mit den beiden Zeiten, mit denen das neue Kirchenjahr beginnt, mit der Advents- und Weihnachtszeit, habe ich mich schon mehrfach in früheren Rundbriefen beschäftigt. Hier nochmals ein Überblick:

·        Rundbrief 1 (2002): Allgemeine Einführung, Adventsbräuche (Adventskranz, Rorate-Messen, O-Antiphonen, Antiphon „Alma Redemptoris mater“.

·        Rundbrief 4 (2004/2005): Allgemeine Einführung, Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria (8. Dezember), feierliche Ankündigung von Weihnachten, dreifache Messfeier an Weihnachten, Weihnachtsoktav.

·        Rundbrief 6 (2006/2007): Allgemeine Einführung, Hochfest Epiphanie, Fest der Taufe des Herrn, Engel des Herrn (Angelus).

·        Rundbrief 7 (2008): Allgemeine Einführung, Fest der Darstellung des Herrn (2. Februar).

·        Rundbrief 8 (2008/2009): Allgemeine Einführung, der dreifache Advent, das Credo an Weihnachten als Bekenntnis/Gedächtnis der Inkarnation.

In allen diesen Briefen werden neben einer liturgietheologischen und spirituellen Betrachtung immer auch ganz praktische Fragen der Liturgiegestaltung behandelt.

So wünsche ich Euch, liebe Mitschwestern und liebe Mitbrüder, eine reich gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und dann ein Jahr des Heiles 2010!

Herzlich Euer

fr. Alberich M. Altermatt O.Cist.

Kloster Eschenbach (Schweiz), Christkönigssonntag 2009

 

 

contact 

o.cist.homepage        gestion du site    
questions liturgiques
liturgy homepage